Zurück im Land der Frühaufsteher

Obwohl ich ja eigentlich ein Nachtmensch bin, freue ich mich, seit ein paar Tagen wieder im schönen Sachsen-Anhalt, im „Land der Frühaufsteher“ zu wohnen. Deshalb: frostig-frühe Schnappschüsse, denn hier stehe ich tatsächlich früher auf. Naja, meistens zumindest.

Ich habe Leipzig vor ein paar Tagen verlassen und lebe nun in einer alten Mühle im Unstruttal. In die Landschaft hier habe ich mich auf den ersten Blick verliebt. Gerne würde ich zur Abwechslung mal ein paar Wurzeln schlagen, nach mehr als einem dutzend Umzügen in meinem Leben über vier Bundesländer. Deswegen habe ich wohl auch den Frühling gewählt, um anzukommen, und nicht die Hitze des Sommers oder den kalten aufbrausenden Herbst. Hier in der Natur wird mir einmal mehr klar, dass es die richtige Entscheidung war, die Stadt zu verlassen. Ich verlasse mehrmals am Tag das Haus, einfach, um draussen zu sein. Den Drang habe ich in der Stadt lange nicht mehr verspürt. Trügerisch sind mir der Park und der Stadtwald, die wohldosierte Wildnis des Stadtbewohners, die ich mit Joggern und Hunden teilen müsst. Hier draussen auf dem Land riecht es nach Freiheit und die Kinder wissen noch, wie man einen Heuhaufen anständig ankokelt oder auf einen Baum klettert. Und wie man wieder aufsteht, wenn man runter fällt. Zum ersten Mal habe ich Sämereien in die Erde getan und frage mich, ob ich das Unkraut vom Essen unterscheiden kann, wenn etwas anfängt zu wachsen. Radieschen, Zuckererbsen, Pastinaken, Rote Beete, Knoblauch, Rettich, Möhren, Zwiebeln, Spinat, Rucola, weiteres wird in den nächsten Wochen folgen. Ich finde mich häufig in einer alten Obstbaumplantage wieder, wo ich mich auf eine von Sommer und Winter verdorrte Wiese in die Frühlingssonne lege und Vögeln lausche, deren Namen ich vergessen habe. Oder ich sitze vor dem kleinen Karpfenteich und warte auf die ersten Frösche. Die ersten drei Tage nach meiner Ankunft habe ich enthusiastisch angefangen auszupacken. Mein Enthusiasmus hielt solange an, bis ich alles akut Wichtige lokalisiert hatte und nun schauen die restlichen Kartons mich manchmal vorwurfsvoll an und ich weiche ihrem Blick aus. Ich habe mich von so viel Besitz getrennt, doch scheint es immer noch nicht genug zu sein, um alles zu brauchen, was übrig ist. Sobald sich ein Sonnenstrahl blicken lässt wird die Kälte erträglich und ich gehe raus. Ein Stück den Hang hoch, Richtung Burg, gibt es auch noch einen Platz, an dem ich gerne sitze. Von dort aus kann man die Landschaft gut überschauen. Dort oben haben wir bei meinem ersten Besuch gesessen, in der Januar-Sonne und es roch nach Tabak und fernem Frühling. Morgen werde ich mal wieder einen Karton auspacken. Ganz sicher. Es sei denn, die Sonne scheint.